Neuer Alltag unter COVID-19

Alltag, Behörden, Familie etc.

Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon Refajo » 16 Mär 2020, 22:15

Seit heute sind alle öffentlichen und privaten Schulen und Universtäten geschlossen. Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen sind verboten. Kinos und Discos wurden bereits am Wochenende geschlossen.

Die für nächsten Samstag anstehende Eigentümerversammlung in unserem Wohngebäude wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Heute sagte der Zahnarzt meiner EPS nach der Behandlung: Es muss noch eine weitere Füllung erneuert werden, aber damit solle ich vorerst warten, da ab jetzt nur noch Notfälle behandelt würden. Wenig später erhielt meine Frau einen Anruf der EPS, ihr Zahnarzttermin für morgen sei abgesagt.

Es wird also ernst in Kolumbien. Ich habe mit anderen hier lebenden Deutschen gesprochen, und es gibt zwei große Sorgen:
1) Wie groß ist überhaupt die Kapazität des Gesundheitswesens? In Deutschland gibt es wohl 25.000 Beatmungsgeräte und 10.000 weitere sollen im Laufe des Jahres hinzukommen, aber in Kolumbien?
2) Wird es zu sozialen Unruhen kommen? Nach welchen Kriterien wird entschieden, wer eine künstliche Beatmung bekommt und wer nicht? Wird es zu Plünderungen kommen, wenn die Armen nichts mehr zu essen haben?
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Re: Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon Gado » 18 Mär 2020, 07:18

Die Restriktionen wegen des Coronavirus fallen in die Fastenzeit, in der man Verzicht üben soll. Dies fällt leichter, weil der Besuch von Veranstaltungen, Theatern, Museen, Restaurants, Bordellen, Sport- und Modegeschäften sowie Freizeiteinrichtungen nun eingeschränkt oder verboten ist. Wichtig ist, dass die medizinische Versorgung funktioniert.
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Re: Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon heine » 18 Mär 2020, 09:06

Gestern 17. März 2020 durfte ich erstmals ab 18 Uhr nicht mehr das Haus verlassen. Der Bürgermeister von Cartagena hat verfügt das von 18 Uhr bis 4 Uhr am nächsten Morgen eine allgemeine Ausgangssperre gilt
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Re: Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon Gado » 19 Mär 2020, 07:14

Refajo hat geschrieben: ..... und es gibt zwei große Sorgen:
..... Nach welchen Kriterien wird entschieden, wer eine künstliche Beatmung bekommt und wer nicht?

Ein anerkanntes Kriterium stellt die Triage dar. Dabei handelt es sich um ein nicht gesetzlich kodifiziertes oder methodisch spezifiziertes Verfahren der Priorisierung medizinischer Hilfeleistung entsprechend der Dringlichkeit, insbesondere bei unerwartet hohem Aufkommen an Patienten und objektiv unzureichenden Ressourcen:

Bei akuter, vitaler Bedrohung ist eine Sofortbehandlung geboten.
Bei schwer Erkrankten ist die Behandlungsdringlichkeit aufgeschoben.
Bei leicht Erkrankten kommt eine spätere (ggf. ambulante) Behandlung in Betracht.
Patienten ohne Überlebenschance erhalten eine betreuende abwartende Behandlung, ggf. Sterbebegleitung.

https://de.wikipedia.org/wiki/Triage Abschnitt Sichtungsschema, Überblick

Das deutsche Transplantationsgesetz sieht die Erstellung von Wartelisten vor. Gemäß § 10 Abs. 2 Nr. 2 erfolgt die Aufnahme in die Warteliste insbesondere nach Notwendigkeit und Erfolgsaussicht.

https://www.gesetze-im-internet.de/tpg/__10.html
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Re: Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon Gado » 23 Mär 2020, 07:16

Semana.com behandelte in einem Artikel vom 21. März 2020 die Frage, warum - zum damaligen Zeitpunkt - die Sterblichkeitsrate in Deutschland nur 0,35 %, jedoch in Italien 8 % und in Spanien 4 % betrug. Folgende drei Erklärungen wurden gegeben:

Deutschland hat auf den Ausbruch früher reagiert.
In Deutschland sind die Infizierten jünger.
In Deutschland wurde mehr getestet.

https://www.semana.com/mundo/articulo/p ... aja/658425

Baden-Württembergische Krankenhäuser mit - noch - freien Betten nehmen Corona-Patienten aus dem Elsass auf.

https://bnn.de/lokales/karlsruhe/staedt ... elsass-auf
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Re: Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon Gado » 26 Mär 2020, 10:58

Sechs deutsche medizinische Fachgesellschaften haben am 25.03.2020 umfangreiche klinisch-ethische Empfehlungen für Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie verabschiedet. Es heißt unter anderem:

Wenn nicht mehr alle kritisch erkrankten Patienten auf die Intensivstation aufgenommen werden können, muss analog der Triage in der Katastrophenmedizin über die Verteilung der begrenzt verfügbaren Ressourcen entschieden werden. Die Priorisierung von Patienten soll sich am Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht orientieren.

https://dynamic.faz.net/download/2020// ... 1585120833
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Re: Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon Gado » 28 Mär 2020, 07:10

Die Verwaltung eines Conjuntos in Bogotá hat mit Hinweis auf COVID-19 unter anderem Folgendes verlautbart:

“Para recibir domicilios, designar un adulto no mayor de 60 años que los reciba en portería.“

Das Verbot, das Menschen ab 60 Jahren untersagt, den Essenslieferservice an der Pforte des Conjuntos in Empfang zu nehmen, ist unwirksam. Es bedeutet eine Altersdiskriminierung, die gegen den Gleichheitssatz in Artikel 13 und gegen Artikel 46 der Verfassung verstößt. Artikel 46 postuliert “la protección y la asistencia de las personas de la tercera edad“.

Es ist nicht ersichtlich, dass die Gemeinschaft des Conjuntos vor Ansteckung besser geschützt ist, wenn über 60jährige das Essen nicht an der Pforte entgegennehmen.
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Re: Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon Refajo » 02 Apr 2020, 07:58

Eine Juristin schreibt bei ElTiempo.com zu dieser Problematik praktisch das Gegenteil: Die Gebäudeverwalungen müssten nun erlauben, dass Essenszusteller in die Wohnanlagen hineindürfen, um das Essen bis an die Wohnungstür von über 70jährigen Personen zu liefern. (Was aus Sicherheitsgründen in vielen Anlagen verboten ist.)
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Re: Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon Gado » 03 Apr 2020, 04:00

Die Meinung der Juristin bei ElTiempo.com trifft nur auf die Fälle zu, in denen die über 70jährige Person das Essen an der Pforte wegen einer Behinderung nicht selbst abholen und auch niemand anders mit der Abholung beauftragen kann.
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Re: Neuer Alltag unter COVID-19

Beitragvon Gado » 03 Apr 2020, 06:39

Verschiedene Städte und Gebietskörperschaften - Bogotá allerdings nicht - haben das System “pico y cédula“ eingeführt: Man darf das Haus analog dem Prinzip “pico y placa“ nur noch an jedem zweiten Tag entsprechend den Endnummern auf der Cédula verlassen.

https://www.eltiempo.com/economia/empre ... bia-480328

Ich verstehe diese Maßnahme dahingehend, dass die bisher erlaubten Ausgänge, zum Beispiel zum Einkaufen, an jedem zweiten Tag vollständig verboten sind. Welche dringend gebotenen Ausnahmen, zum Beispiel bei einem medizinischen Notfall, zulässig sind, ist mir unklar.
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