Ausgangsbeschränkungen für Senioren

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Ausgangsbeschränkungen für Senioren

Beitragvon Gado » 04 Jul 2020, 06:31

Im Zuge der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie wurden Aktivitäten außerhalb des Haues auf täglich zwei Stunden beschränkt. Senioren über 70 Jahre durften das Haus allerdings nur dreimal pro Woche für eine Stunde verlassen. Dies sollte für Senioren länger als für die sonstige Bevölkerung gelten, nämlich für Senioren bis zum 31. August. Diese Einschränkungen waren wegen Altersdiskriminierung rechtswidrig.

Deshalb ordnete ein Richter in Bogotá im Wege der Tutela an, dass die Einschränkungen für Personen über 70 Jahre nicht mehr gelten, bis der Verfassungsgerichtshof über ihre Rechtmäßigkeit entschieden hat, wofür er den Antragstellern der Tutela eine Frist von 15 Arbeitstagen zur Einreichung dieser Beschwerde einräumte.

Der Richter wies Präsident Ivan Duque und das Innenministerium an, innerhalb von 48 Stunden einen Verwaltungsakt zu erlassen, um Erwachsenen über 70 Jahre auf der Grundlage der Erwägungen der Antragsteller die Zeit für körperliche Bewegung im Freien zu gewähren.

Das Gericht vertrat die Auffassung, dass es notwendig sei, Maßnahmen zu ergreifen, um die physischen und psychischen Auswirkungen abzumildern, die die Isolation bei älteren Erwachsenen hervorrufen kann, und zu berücksichtigen, dass viele von ihnen in sozialer Ungleichheit leben, keinen Zugang zu einem festen Einkommen oder zu häuslichen Gesundheitsdiensten und dann auch keinen Zugang zu Technologie haben.

Der Richter wies darauf hin, dass ein großer Teil der älteren Bevölkerung über 70 Jahre behindert ist und spezielle Therapien benötigt. Unter diesen Umständen spiele die körperliche Betätigung eine wichtige Rolle, weshalb das Verbot, dies öfter in der Woche zu tun, eine direkte Gefahr für ihre Lebensqualität darstelle.

Er fügte hinzu: Der Stress kann für eine große Zahl älterer Erwachsener, die angesichts der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie ihren täglichen Lebensunterhalt gefährdet sehen, erhöht werden, weshalb die Nachricht über die Verlängerung der Ausgangsbeschränkungen, die einige Monate länger ist als die für den Rest der Gemeinschaft, große emotionale Störungen verursachen kann, die dem Wohlbefinden ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit überhaupt nicht förderlich sind.

https://www.eltiempo.com/justicia/corte ... mia-513876
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Re: Ausgangsbeschränkungen für Senioren

Beitragvon Refajo » 04 Jul 2020, 09:36

Ich begrüße das Urteil und hatte bereits im Vorfeld eine große Wahrscheinlichkeit eines Erfolges für die Kläger gesehen, da die Verfassung Atersdiskriminierung verbietet.

Allerdings befremdet mich die Begründung des Richters. Was hat denn der Unterschied, ob man eine oder zwei Stunden Sport treiben darf, damit zu tun, dass viele Senioren aufgrund mangelnder Altersvorsorge im "informellen Sektor" (also als Straßenverkäufer) Geld verdienen? Das hätte doch gerade in Kolumbien etwas mit dem "derecho al trabajo" zu tun, worum es in dieser Tutela aber nicht ging.

Wirklich schlimm, weil einfach dumm und inhaltlich falsch, ist jedoch die Reaktion von Duque: Er respektiere zwar die Justiz, aber er müsse eben aufgrund von wissenschaftlichen Fakten handeln und statistisch gesehen würden mehr alte Menschen an Covid-19 sterben. Er kündigte an, das Urteil anzufechten.

https://www.eltiempo.com/politica/gobie ... llo-514170

Nun lese ich täglich von Wissenschaftlern, dass die Ansteckungsgefahr beim Sporttreiben an der frischen Luft praktisch bei Null läge. (Hinzu kommt, dass in Kolumbien selbst für den Sport Maskenpflicht gilt und dass regelmäßige körperliche Ertüchtigung das Sterberisiko verringert.) Das bedeutet: Egal ob ich nun eine oder zwei Stunden Sport treibe, die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung bleibt praktisch Null. Da frage ich mich schon, mit was für angeblich wissenschaftlichen Beratern Duque sich umgibt.

Viel interessanter fände ich einen (leider nicht stattfindenden) öffentlichen Diskurs darüber, dass die Polizei über keinerlei Möglichkeiten verfügt, festzustellen, ob jemand dreimal wöchentlich oder täglich eine oder zwei Stunden Sport treibt. Zwar könnte die Polizei Menschen, die nach Augenschein 70 oder älter sein könnten, um den Personalausweis bitten, aber erstens tut sie das nicht, und zweitens wäre damit immer noch nicht geklärt, ob diese Person nun bereits länger als eine Stunde Sport treibt und ob sie die Anzahl ihrer drei erlaubten wöchentlichen Ausgänge bereits überschritten hat.

Auch bei den von mir eingereichten Tutelas waren die Urteile immer mit viel Blabla angereichert. Wäre ich der zuständige Tutela-Richter gewesen, hätte ich der Regierung vor allem ins Hausaufgabenheft geschrieben, dass sie anstelle völlig sinnloser Verbote, die wissenschaftlich nicht begründbar und von den Ordnungskräften nicht überprüfbar sind, lieber große Aufklärungskampagnen über die Ansteckungswege und Risiken für bestimmte Personengruppen initiieren sollte. Dies geschieht leider nicht und entsprechend hoch ist die Ignoranz in der Bevölkerung. Schulen empfehlen beispielsweise, dass Großeltern die Hausaufgabenbetreuung der Enkel übernehmen sollen und niemand scheint sich bewusst zu sein, dass hier eine Ansteckungsgefahr für Senioren besteht, die um ein vielfaches größer ist als die Frage, ob sie eine oder zwei Stunden Sport treiben. Duque sollte sich seine sinnentleerten Dekrete in den Allerwertesten stecken.
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Re: Ausgangsbeschränkungen für Senioren

Beitragvon Gado » 05 Jul 2020, 05:05

Staatspräsident Duque rechtfertigt seine einschränkenden Maßnahmen gegenüber den Senioren damit, dass diese eine höhere Sterblichkeitsrate hätten und auch andere vor den Senioren geschützt werden müssten. Refajo weist zu Recht darauf hin, dass beim Sport an der frischen Luft praktisch keine Ansteckungsgefahr besteht. Wenn der Gesundheitsminister sagt “estaremos trabajando y profundizando este tema“, läuft dies auf eine Verzögerungstaktik hinaus. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen vor. Auf diese hat sich das Gericht gestützt.

Refajo hat geschrieben: Wäre ich der zuständige Tutela-Richter gewesen, hätte ich der Regierung vor allem ins Hausaufgabenheft geschrieben, dass sie anstelle völlig sinnloser Verbote, die wissenschaftlich nicht begründbar und von den Ordnungskräften nicht überprüfbar sind, lieber große Aufklärungskampagnen über die Ansteckungswege und Risiken für bestimmte Personengruppen initiieren sollte.

Zu einer solchen Aussage war der Richter nicht befugt, weil das nicht Gegenstand des Verfahrens war. Derartige Kommentare wagen nur oberste Gerichte, wie zum Beispiel der Verfassungsgerichtshof. Immerhin hat der Richter hat dazu ermuntert, den Verfassungsgerichtshof anzurufen.
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